Unsichtbare Hamster
Der Textfire-Grand Prix 2010 ist Geschichte, die Spiele warten aber immer noch auf Spieler. Nicht jeder will alle sieben Beiträge durchgehen. Wer es eilig hat, beschränkt sich auf diese drei:
Ares von Michael Baltes
Der Gewinnbeitrag des Wettbewerbs fängt spannend an. Ich lande als erster Mensch auf dem Mars – und natürlich geht alles schief. Ich muss um mein Überleben kämpfen.
Naja, mehr oder weniger. Nach der Einleitung biegt das Spiel schnell auf altbewährte Pfade ein und präsentiert mir eine recht gewöhnliche und zu lineare Rätselsammlung in einem Höhlenkomplex. Die interessante Geschichte wird weitgehend ausgeblendet, zurück bleiben Allerweltspuzzle in einer soliden, aber keineswegs detailverliebten Implementierung. Wer so etwas mag, kommt auf seine Kosten. Ich habe mich etwas gelangweilt. Immerhin, zum Schluss gibt es doch noch etwas mehr Handlung.
Die Hausaufgabe von Mischa Magyar
Das Spiel habe ich lange liegen lassen und als letztes gespielt – des Titels wegen. “Die Hausaufgabe”, das klingt nach geballter Langeweile. Glücklicherweise passt der Titel gar nicht zum Spiel. “Voodoo-Marilyn” wäre passender gewesen, oder “Marilyn und die Mondverschwörung” oder so. Die flott erzählte und abgedrehte Geschichte steht zu meiner Freude im Mittelpunkt. Ich spreche mit unsichtbaren Hamstern, führe Voodoo-Rituale durch und rette gutaussehende Frauen – was will ich mehr? Da verzeihe ich sogar ausgelutschte Verschwörungstheorien. Nennenswerte Rätsel gibt es zwar wenige und der Parser hat gelegentlich leichte Schwächen. Trotzdem ist Die Hausaufgabe ein schönes Werk, das mich oft zum Schmunzeln gebracht hat. Mehr davon bitte!
Absturzmomente von Jörg Rosenbauer
Absturzmomente beginnt mit einem Cliffhanger, wörtlich verstanden. Ich hänge an einem Felsen, drohe abzustürzen. Doch das ist nur die Rahmenhandlung, in der ich nichts tun kann, außer… abzustürzen. Das ist ungeheuer frustrierend, beinahe klicke ich das Spiel weg.
Ich halte durch und werde belohnt. Kurz darauf kämpfe ich um das Leben einer Frau, deren Schicksal so wortgewaltig beschrieben wird, dass ich sie wirklich retten will, ich will, dass ihr Peiniger bezahlt! So sehr zieht mich ein Textadventure selten in seinen Bann. Hochmotiviert mache ich mich an das Lösen der größtenteils gelungenen Rätsel.
Zwei wesentliche Mängel hat dieser Beitrag. Zum einen die Rahmenhandlung, die gar nicht zum restlichen Spiel passen will und überflüssig ist. Warum spiele ich nicht einfach einen Engel oder einen Geist oder sowas? Die Handlungsmotivation (Frau retten) ist alleine völlig ausreichend. Zum anderen versagt der Parser an einigen entscheidenden Stellen. Besonders gegen Ende wird das sehr ärgerlich, wenn man gegen jede Logik Finde-die-richtige-Formulierung spielt. Absturzmomente ist dennoch das am besten geschriebene Adventure des Wettbewerbs, mit der spannendsten Geschichte und der originellsten Spielmechanik (die Sanduhr). Es ist daher trotz aller Mängel mein klarer Favorit beim diesjährigen Grand Prix. Mit dem vierten Platz wurde es auf groteske Weise unterbewertet.
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