Meine Rollenspielrunde hat eine tiefe Abneigung gegen dicke Regelbücher. Mehr als zehn Seiten Regeln am Stück liest bei uns meistens nur einer, nämlich ich. Das ist nicht weiter schlimm; wir suchen uns halt passende Systeme aus. Gerade beenden wir eine lange Fantasy-Kampagne, die wir nach vereinfachten(!) Over the Edge-Regeln spielen.

Demnächst möchte ich mein neues Szenario auf meine Mitspieler loslassen und stelle mir die Frage: Nach welchen Regeln? Was schickes soll es sein, mit mehr Mitbestimmungsrechten für alle und so. Früher habe ich schonmal Fudge geleitet und so bin ich jetzt auf Fate gestoßen. Eine (noch nicht ganz fertige) Version davon ist Free Fate: Versprochen wird mir Fate in “cut down & condensed”, “intended to appeal to gamers who prefer uncomplicated rules”. Hey, genau mein Fall! Dachte ich.

Knapp 50 Seiten später bin ich ein wenig ernüchtert. Fate steckt voller guter Ideen. Ich liebe Aspekte – ein unheimlich vielseitiges Instrument, das gleichzeitig die Charaktere beschreibt und Auskunft über die Vorlieben der Spieler gibt, das diese Vorlieben direkt regeltechnisch ansprechbar macht und den Spielern viele Möglichkeiten zur Einflussnahme gibt. Und noch mehr!

Leider ist der Text so trocken und abstrakt geschrieben, dass ich beim Lesen an mich halten muss. Einfache Dinge werden in eine Sprache gepresst, die für den Spieltisch nicht taugt. Wenn bei uns jemals der Satz fällt “Ich tagge seinen vorübergehenden Aspekt der Erblindung” (statt: “Ich nutze aus, dass er gerade nichts sieht”), suche ich mir eine neue Runde. So fördert man kein Rollenspiel, so erstickt man es.

Was aber viel schlimmer ist: Free Fate ist mir viel zu komplex! Von “uncomplicated” kann gar keine Rede sein. Bis ich meinen Spielern sämtliche Möglichkeiten erklärt habe, Aspekte zu invoken, zu taggen, zu compellen, zu wasweißichen, ihnen den Unterschied zwischen Stress und Consequences beigebracht habe, und das Consequences - wie (zumindest gefühlt) fast alles andere – eigentlich ebenfalls Aspekte sind, ihnen erklärt habe, wann sie Fate-Punkte einsetzen können, wann sie es müssen und was sie alles damit anfangen können (zu viele Optionen!), ist die Hälfte der ersten Sitzung vorbei. Und dann habe ich noch kein Wort zu Verfolgungsjagden gesagt. Schließlich kann ich von vorne anfangen, da mir längst keiner mehr zuhört: Für den Geschmack meiner Runde ist das nichts.

Was bleibt mir also, wenn ich die tollen Konzepte von Fate trotzdem nutzen will? Radikal vereinfachen, eine echte “condensed”-Version schaffen. Wie schon so oft. Darin habe ich mittlerweile eine gewisse Routine, aber enttäuschend ist es schon: Wieder muss ich in die Regeln viel Zeit investieren. Zeit, die ich eigentlich nie habe, die ich lieber in mein Szenario gesteckt hätte.